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Gemeinde Graben-Neudorf
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Artikel vom 12.08.2021

Klimaschutz erhält ein Gesicht

Dr. Stefan Stängle
Dr. Stefan Stängle

Seit März hat die Gemeinde Graben-Neudorf mit Dr. Stefan Stängle einen eigenen Klimaschutzbeauftragten. Der promovierte Forstwissenschaftler stammt aus dem Ostalbkreis und hat die letzten neun Jahre an der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg geforscht. Unsere Redaktion hat nun mit ihm gesprochen.

Herr Stängle, wieso braucht Graben-Neudorf einen Klimaschutzbeauftragten?

Klimaschutz ist zwar eine globale Herausforderung, aber er muss insbesondere auch auf lokaler Ebene betrieben werden. Die Kommunen sind wichtige Akteure, um regionale und überregionale Klimaschutzziele erreichen zu können. Und damit die Gemeindeverwaltungen diese vielen zusätzlichen Aufgaben auch bewältigen können, werden Personen gebraucht, die sich voll und ganz dem Thema widmen: Klimaschutzbeauftragte. Meine Rolle ist die eines Koordinators aller kommunalen Projekte und Aktivitäten im Bereich Klimaschutz und die eines Ansprechpartners für die Bevölkerung und Firmen vor Ort.

Was war Ihr persönlicher Antrieb, sich dem Klimaschutz zu widmen?

Die Folgen des Klimawandels sind bereits heute zu spüren und werden uns noch lange Zeit begleiten. Das habe ich als Forstwissenschaftler im Wald selbst beobachtet. Ich wollte diese Entwicklung nicht mehr nur beobachten und auf die Folgen reagieren, sondern aktiv dazu beitragen, dass wir schnellstmöglich klimaneutral werden. Und auf der Ebene der Gemeinde sehe ich ein großes Potential schnell möglichst viel bewirken zu können.

Was bedeutet eigentlich Klimaneutralität?

Klimaneutralität wird erreicht, wenn die gleiche Menge an Treibhausgasen in die Atmosphäre einlassen wird, wie aus ihr entnommen wird. Um dies zu erreichen, müssen wir insbesondere die Verbrennung von fossilen Energieträgern wie Kohle, Erdöl und Gas einstellen. Und gleichzeitig benötigen wir Mechanismen, CO2 aus der Atmosphäre aufzunehmen und zu speichern. Der natürlichste, aber auch ein langsamer Weg wäre, Bäume zu pflanzen. Diese nehmen während ihres Wachstums CO2 aus der Luft auf und speichern den darin enthaltenen Kohlenstoff in ihrem Holz.  

Hat sich die Gemeinde schon konkrete Ziele gesetzt, wann sie klimaneutral sein will?

Die Gemeinde hat sich durch die Unterstützung des Klimaschutzpaktes der Landesregierung verpflichtet, die Verwaltung bis spätestens 2040 klimaneutral umzubauen. Der Landkreis ist da schon weiter. Dort wurde mit der Strategie 'zeozweifrei 2035' vereinbart, für den gesamten Landkreis bis 2035 Klimaneutralität anzustreben. Das motiviert natürlich und stellt gleichzeitig eine große Herausforderung dar. Zusammen mit der Umwelt- und Energieagentur des Landkreises werden zurzeit Vorschläge für die konkreten Klimaschutzziele der Gemeinde ausgearbeitet.

Welchen Aufgaben widmen Sie sich sonst noch?

Für die Umsetzung einer klimaneutralen Kommunalverwaltung spielt die Teilnahme beim European Energy Award (eea), einem europaweiten Qualitätsmanagementsystem und Zertifizierungsverfahren, eine wichtige Rolle. Nachdem der Landkreis bereits die eea-Auszeichnung in Gold erhalten hat, strebt auch Graben-Neudorf eine Zertifizierung Ihrer Klimaschutzbemühungen an. Das bedeutet erst mal viel Recherche- und Dokumentationsarbeit. Schwerpunkte der sonstigen Projekte liegen im weiteren Ausbau der Fotovoltaik auf kommunalen Gebäuden, dem Umbau der Mobilität (Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur für E-Mobilität, Carsharing und Ausbau Radinfrastruktur) und einer Umstellung hin zur Nutzung klimaneutraler Wärme für private und gewerbliche Gebäude. Aktuell entwickelt die Umwelt- und Energieagentur Kreis Karlsruhe für Graben-Neudorf einen Energieplan, um in einem ersten Schritt Strom- und Wärmebedarf zu erfassen. In einem zweiten Schritt werden verschiedene Szenarien entwickelt, wie die Energieversorgung künftig möglichst klimaneutral werden kann und gleichzeitig bezahlbar bleibt. Dabei spielt das Geothermie-Projekt der Deutschen Erdwärme GmbH eine entscheidende Rolle als potentieller Wärmelieferant.

Generell ist für meine Arbeit eine enge Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat und die direkte Beteiligung der Bevölkerung wichtig. Die größte Akzeptanz und Unterstützung für Maßnahmen werden wir erreichen, wenn die Bevölkerung die Entscheidungsprozesse gut nachvollziehen oder gar daran teilhaben kann.

Was kommt mit dem Klimawandel auf Graben-Neudorf zu? Es wird wärmer werden – ist das alles?

Es wird wärmer werden, ja. Und hier in der Region trifft uns das landesweit fast am ärgsten. Die Anzahl heißer Tage und Nächte wird zunehmen, der Regen wird sich zum Teil vom Sommer- in das Winterhalbjahr verschieben und starke Gewitter werden uns öfter heimsuchen. Wie stark diese Veränderungen ausfallen, hängt natürlich davon ab, wie schnell die weltweiten Treibhausgasemissionen reduziert werden.

Das heißt, wir sollten das Klima nicht nur schützen, sondern uns auch an ein anderes Klima anpassen?

Genau! Denn selbst wenn wir ab morgen aufhören würden, fossile Brennstoffe zu verfeuern, würde es noch einige Jahre lang immer wärmer werden und für einige Jahrhunderte auf diesem Niveau bleiben. Die Erdatmosphäre reagiert nur langsam. Im Graben-Neudorfer Gemeindewald laufen momentan schon Versuche mit Bewässerungssystemen, die frisch gepflanzten Bäumen helfen sollen, auch in Trockenjahren zu überleben. Im Frühjahr 2022 soll ein zusätzliches Projekt die Wirkung von Pflanzenkohle auf den Anwuchserfolg von jungen Bäumen untersuchen.

Für die Bürgerinnen und Bürger bieten wir in unserem Förderprogramm unter anderem eine Unterstützung für die Begrünung ihrer Dächer, Fassaden und für die Entsiegelung von Flächen an. Auch das sind wichtige Bausteine für die Anpassung an den Klimawandel, die leicht auf vielen Grundstücken umgesetzt werden können.

Viele Menschen möchten ihr Leben nachhaltiger gestalten, wissen aber nicht wo anfangen. Was ist ihr Tipp, Herr Stängle?

Man sollte nicht nur auf große Veränderungen setzen. Diese schiebt man oft lange vor sich her und unternimmt währenddessen gar nichts. Sein Haus zu dämmen und die Ölheizung auszutauschen sind wichtig, aber viele Dinge lassen sich auch schneller und leichter umsetzen: Ökostrom beziehen, mit dem Fahrrad zur Arbeit und zum Einkaufen fahren, weniger Fleisch und mehr Bio-Produkte essen und am besten lokal und unverpackt einkaufen etc. Solche Verhaltensänderungen können schon viel bewirken.

Viele Menschen wissen auch nicht, ob ihre Lebensweise nachhaltig ist oder nicht. Da können Online-Tools helfen, mit denen man seinen persönlichen Klima-Fußabdruck berechnen kann. Damit erhält man schnell einen Überblick, wie viele Tonnen CO2-Ausstoß die eigene Lebensweise verursacht. Und bei vielen Tools sieht man auch, welche Verhaltensänderungen welches CO2-Einsparpotential beinhalten.

Noch mal zu Ihnen, Herr Stängle. Nach Jahren in der Forschung arbeiten Sie jetzt in einem Rathaus – war die Umstellung schwer?

Der Arbeitsalltag ist ganz anders. Ich bin jetzt gleichzeitig mit zig verschiedenen kleineren Projekten und Aktivitäten betraut und kann mich nicht mehr monatelang auf ein einziges Thema konzentrieren. Außerdem habe ich jetzt direkten Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern, das macht mir sehr viel Spaß. Obwohl ich anfänglich sehr viel Zeit im Homeoffice gearbeitet habe, konnte ich inzwischen einen guten Kontakt zu meinen Kolleginnen und Kollegen im Rathaus aufbauen und fühle mich hier inzwischen sehr wohl.

Haben Sie in Graben-Neudorf für sich schon einen Lieblingsort entdeckt?

Ich habe die Gemeinde und die nähere Umgebung schon ausgiebig mit meinem Rad erkundet und viele schöne Flecken gesehen. Gerade im Sommer locken natürlich die vielen Baggerseen in der Umgebung. Aber einen einzelnen Lieblingsort habe ich noch nicht.

Infos zum Förderprogramm für Klimaschutzmaßnahmen

Berechnen Sie Ihren persönlichen Klima-Fußabdruck und schauen Sie nach, wo Sie CO2 einsparen können